Von Reto Eugster
Zwischen dem Alltagsverständnis von Konflikten (vermeidenswerte Unordnung) und wissenschaftlichen Konflikttheorien (soziale Ordnungsleistung) besteht eine grosse Diskrepanz. Wenn es um Konflikte geht, setzt Wissenschaft anders an als Alltagslogik dies vermuten liesse.
Alltagsverständnis: Konflikt, vom lateinischen conflictare, bedeutet ursprünglich zu kämpfen haben und meint im weiteren Sinne Zusammenstoss, Streit, Auseinandersetzung. Der Konfliktbegriff ist alltagssprachlich im Sinne dieses lateinischen Ursprungs besetzt: unscharf, normativ aufgeladen und emotional ausgesprochen belastet. In der Regel ist er synonym mit den Begriffen Streit, Kampf, oft auch Gewalt und Krieg in Gebrauch. Konflikt meint im Kontext alltagslogischer Implikationen Chaos, Unordnung, Belastung, Überforderung, Desintegration usw. Es wird nicht überraschen, dass ein solcher Konfliktbegriff im Hinblick auf wissenschaftliche Anforderungen wesentlich geschärft werden muss.
Wissenschaftliches Konfliktverständnis: Erst in der – teilweise aufwändigen – Abgrenzung von alltagsnahen Annahmen wird klar, worum es bei einer wissenschaftsbasierten Konflikttheorie gehen kann, in gewissem Sinne: gehen muss. Es geht darum, Konflikt nicht als Chaos, sondern als soziale Ordnung, nicht als Desintegration, sondern als fortgeschrittene Integration, geradezu als entfesselte Integrationsdynamik zu fassen. Um dies bewerkstelligen zu können, muss der Begriffsapparat deutlich von alltagstheoretischen und vorwissenschaftlichen (anwendungsorientierten) Bezügen gelöst und über die Plausibilität des Naheliegenden hinaus getrieben werden.
Konfliktkommunikation: In der Konfliktkommunikation entsteht ein Wir, das klar und markant von einem Anderen abgrenzbar ist, wobei der Begriff der Parteibildung geeignet ist, den Sachverhalt auszudrücken. “Wir”, das sind diejenigen, die keiner prinzipiellen Begründungspflicht unterliegen und “die Anderen”, das ist die Partei, um deren Begründungen alles kreist.
Konfliktfreiheit nicht Ziel: Die emotionalisierte Fassung alltagssprachlicher Konfliktverständnisse führt dazu, Konfliktfreiheit als einen Idealzustand zu unterstellen und eine Erziehung zur Konfliktfreiheit für erstrebenswert zu halten. Aus Sicht einer sozialwissenschaftlich aufgeklärten pädagogischen Konflikttheorie gibt es allerdings wenig Grund, einen Zustand der Konfliktfreiheit einem Zustand konfliktiver sozialer Verhältnisse vorzuziehen: eben weil Konflikt an dieser Stelle nicht mit Gewaltausübung oder Krieg gleichgesetzt ist. Vielmehr stellen sich sozialwissenschaftlich andere Ausgangsfragen, beispielsweise: Was bewirken Konflikte und unter welchen Attribuierungsbedingungen wird eine Situation (von wem?) als Konflikt beschrieben?
Bedeutung für Mediatoren: Wer in der Mediation tätig ist, muss über konflikttheoretische Bezugspunkte verfügen, um Konflikte im Gegensatz zur naheliegenden Alltagslogik beschreiben und verstehen zu können. Dabei spielen soziologische Konflikttheorien eine entscheidende Rolle, wenn sie zuweilen auch weniger bekannt sind als psychologisch motivierte Überlegungen.
Aus der Sicht der Mediation sind Konflikte Anlässe, Erwartungen zu eruieren, zu definieren, zu deklarieren und abzugleichen, beispielsweise in “Liebesbeziehungen”. Konflikte sind Vehikel, die ein wirkungsvolles Erwartungsmanagement erst ermöglichen und deshalb ist jeder Versuch riskant, sie zu vermeiden.



